Wirkliche Freiheit

von René Bredow, Pastor

Freiheit! Was für ein Gefühl! Ich wäre einmal fast ertrunken. Das Gefühl wieder frei atmen zu können, die Lungen wieder mit Luft zu füllen ist unbeschreiblich. Nicht umsonst umschreiben wir das Ende einer beengenden Erfahrung mit „aufatmen“. Oftmals wird uns erst beim Verlust bewußt, worin wir Freiheit besassen. Deswegen nehmen wir manche Freiheiten als selbstverständlich hin – bis sie uns genommen oder eingeschränkt werden. Dann wehrt sich alles in uns.

Was ist wirkliche Freiheit? Dietrich Bonhoeffer hat vor dem Zweiten Weltkrieg die Möglichkeit, nach einer Vortragsreise im Ausland und damit in Freiheit zu bleiben. Er entscheidet sich dagegen und kehrt in die bedrückende Situation nach Hause zurück. Vielleicht hat er das nach seiner Inhaftierung bedauert. Aber er macht eine ungewöhnliche Erfahrung. Andere erleben ihn als frei. Er dichtet 1944:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten…

Seine Bewacher erleben ihn als frei, obwohl er im wahrsten Sinne des Wortes gefangen ist. Vielleicht erkennen sie das, weil sie selbst gefangen sind, in einem System der Unfreiheit, das sie selbst unterstützen und nicht zu hinterfragen wagen. Seine Freiheit kostete einen hohen Preis, vor 75 Jahren wird er hingerichtet, und auch davor erlebt er selbst, wie ihm immer wieder die Luft ausgeht:

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

Bonhoeffer hat diesen Zwiespalt nicht gelöst. Aber trotzdem weist er auf das hin, was ihm wirkliche Freiheit gibt:

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

(aus Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung)

Für mich und uns als Christen ist das so: Gott versteht uns auch da, wo wir uns selbst nicht verstehen. Bonhoeffers Buchtitel ist eine klare Ansage ‚Widerstand‘ gegen die Unfreiheit und Selbstversklavung des Menschen – und – ‚Ergebung‘ in der freiwilligen Bindung an den Schöpfer und Befreier meines Lebens. „Du kennst mich, dein bin ich, o Gott!“ ‚Freiheit“ ist die Zuflucht bei dem lebendigen Gott – nachzulesen in Psalm 36 Vers 8. Bei ihm kann ich Atem holen. Mit ihm kann ich die jeweiligen, aber immer temporären, Begrenzungen und meine Verunsicherung ertragen. Und durch ihn habe ich eine ewige, wirklich freie Zukunft.